Das Übel gedeiht nie besser, als wenn ein Ideal davorsteht.
Karl Kraus (1874-1936)
Österreichischer Kritiker und Schriftsteller
Wir sind in Viernheim an der Bergstraße. Eine Mittdreißigerin steht in ihrer Küche am Spülbecken, ihre Gummihandschuhhände versinken im Spülmittelschaum. Um sie herum leeren zwei aufgeweckte neun- und zehnjährige Buben viele Beutel, gefüllt mit Plastikmüll, den sie zuvor auf den Straßen und Plätzen Viernheims eingesammelt haben und den nun die Mutter akribisch abwäscht, bevor Folien, Becher, Saftkartons oder Dosen in gelbe Säcke wandern. Ein Kamerateam begleitet die Familie auf ihren täglichen und mehrstündigen Streifzügen durch die Innenstadt, filmt die bisweilen halsbrecherischen Versuche der Jungs, in einem Schacht an ein weggeworfenes Zigarettenschachtelpapier zu gelangen. Ja, sagt die Frau, sie müsse das tun. Manchmal könne sie abends nicht einschlafen, wenn sie sich vorstelle, was alles draußen noch liegengeblieben sei. Die Buben finden das klasse. Viernheim soll die sauberste Stadt Deutschlands sein.

Rein rechnerisch zahlt jeder Verbraucher, vom Säugling bis zum Greis, 20 € pro Jahr für Verpackungsmüll (75kg, Gewichte anderer Müllfraktionen hier nicht enthalten), für das Trennen und die Wege bzw. Fahrten zu Sammelstellen wendet er vier Tag im Jahr auf, die Gebühren für die Müllentsorgung in seiner Gemeinde steigen kontinuierlich an gerade wegen der Trennung und der damit verbundenen geringeren Müllmenge, während er an den Erlösen des „wertvollen Rohstoffs“ Müll nicht beteiligt wird. Über diese Kosten wird nie gesprochen, weil Belastungen des Einzelnen so nicht erfaßt werden können und zudem uninteressant sind. Denn Deutschland ist Weltmeister im Mülltrennen. Das jedenfalls behaupten Politik, das Duale System Deutschland (DSD), behaupten sämtliche Medien. Einerseits. Andererseits könnte es durchaus besser sein (BUND) und so wird in regelmäßigen Abständen über „Fehlwürfe“ geklagt, die, besonders im städtischen Raum, die Trennquote von ca. 70% beeinträchtigt. Mit Fehlwürfen bezeichnet man die Müllbestandteile, die von den Verbrauchern in andere als die dafür vorgesehenen Behälter geworfen werden. Es ist bisher nicht untersucht, weshalb es zu Fehlwürfen kommt. Zweifellos ist in sogenannten „sozialen Brennpunkten“ die Mülltrennung nicht jedermanns Sache, ebensowenig wie das Sauberhalten von Treppenhäusern, Aufzugs- oder Briefkastenanlagen erwartet werden kann. In Gesprächen gewinnt man jedoch häufig überdies den Eindruck, daß eine Mülltrennung oft ganz bewußt verweigert wird. Gründe sind einmal eine Art „weicher Boykott“ einer stattlichen Verordnung, die als sachlich ungerechtfertigt und bevormundend empfunden wird, zum anderen geschieht dies in der Absicht, die Benutzung der Biotonne aus gesundheitlichen Gründen ganz zu vermeiden. Als nämlich der Müll noch in einer Tonne gesammelt und geleert wurde, Bioabfälle sich also mit anderen Stoffen, z. B. Plastikbeuteln, mischten, waren Gesundheitsgefährdungen für die Bevölkerung beim Kontakt mit ihrem Müll fast unbekannt. Das änderte sich 1990 mit dem Gründungsjahr des Dualen Systems Deutschland GmbH (DSD) und der Einführung des Grünen Punkts.

1998 warnte der Arzt und Biochemiker Rudolf Seuffer aus Reutlingen in der FAZ: „Bei etwa 15% Abwehrgeschwächten in der Bevölkerung ist die tägliche Belastung mit den mykotoxinhaltigen Pilzsporen in Biotonnen und Kompost nicht zu verantworten. Mykotoxine werden bei wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Biotonne und industrielle Kompostierung weder qualitativ noch quantitativ untersucht. Mykotoxine wirken toxisch auf das Zentralnervensystem, die Leber, die Nieren, das Knochenmark, und sie erzeigen Krebs.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert. Bis heute sind in Deutschland die Gefahren durch Schimmelpilze weitgehend unbekannt und werden auch nicht systematisch untersucht. Routinetests für den Nachweis der für Biomüll typischen Pilzsporen gibt es nicht. Vielleicht auch, weil die Meinung vorherrscht, daß nur wenige Pilze humanpathogen seien und nur bei immundefizienten Patienten von einer potentiellen Pathogenität ausgegangen werden kann. So ist generell die Pilzdiagnostik ein Stiefkind der Laboratoriumsmedizin. Sie ist aufwendig, erfordert vom einsenden Behandler spezielle Kenntnisse – Probenmaterial richtig entnehmen, einer schnellen Bearbeitung zuführen, also keine langen Postwege, keine Wärmeeinwirkung, Gefahr der Überwucherung durch andere pathogene und apathogene Keime – und schließlich mehrfachen Nachweis (Kosten!). Deswegen werden Pilzdifferenzierung und Antimykogramm nur unter laufender immunsuppressiver Therapie veranlaßt. In der Serologie beschränkt man sich meist auf den Candiada-Nachweis. Dabei lassen sich in der Praxis schon mit einfachen Mittel wie Spirometrie und der Nachweis von antigenspezifischen IgE-Antikörpern Hinweise auf COPD-Kandidaten finden.

Im Jahre 2000 meldete sich der Düsselodorfer Allergologe und Umweltmediziner Martin Schata im „Spiegel“ zu Wort: „Die Biotonne ist eine medizinische Katastrophe.“ In mehreren Feldstudien hat er verschiedene Biotonnen mit Küchenabfällen befüllt und die mikrobiologische Aktivität untersucht. Er fand bis zu 1 Million Pilzsporen pro Kubikmeter Luft, das ist das 20.000fache eimer durchschnittlichen Sporenbelastung im Freien. Beim Öffnen der Biotonne entsteht jedes Mal ein Unterdruck, der die Sporen gewissermaßen heraussaugt, sodaß mit einem einzigen Atemzug die sonst über das Jahr aufgenommene Menge an Sporen inhaliert wird.

Im gleichen Jahr veröffentlichten der Mikrobiologe Dick Heederick und seine Arbeitsgruppe von der Universität Wageningen/NL eine Studie, zu der sie Staubproben aus 99 Haushalten nach Bakterien- und Schimmelpilzspuren untersuchten. In Wohnungen, in denen im kleinen Eimer organischer Abfall mehrere Tage zwischenlagerte, war die Konzentration bakterieller Endotoxine dreimal höher als in Haushalten, in denen Biomüll mit anderem Müll vermischt wurde. Schimmelpilzsporen fanden sich in den Biomüll-Wohnungen in bis zu acht mal höherer Konzentration. Und waren die Wohnungen mit Teppichboden ausgelegt, erhöhte sich die Endotoxin- und Sporenmenge bis auf das 800fache. Die Folgen seien allergische Reaktion, Asthma, Neurodermitis, grippeähnliche Symptome, Schleimhautverdickung der Nebenhöhlen, Infektionen der Lungen bis zur Lungenfibrose bei Leukämiepatienten oder Patienten mit schwerem Asthma, COPD, in Extremfällen Erstickungstod.

Nachfragen hierzu in der Pressestelle des regierungsberatenden und gerade hinsichtlich der Biotonne intiativen BUND ergaben, daß die Problematik dort (angeblich) gänzlich unbekannt ist, man sich das auch nicht vorstellen könne und daß darüberhinaus das dafür zuständige medizinische Referat unbesetzt sei.

Ausgehend von den Komposthöfen entstehen neue Infektionswege – mit z. T. multiresistenten Keimen – über das ganze Land. In einer Biotonne, aber auch in Kompostanlagen und (Feucht-)Biotopen, haben wir es mit verschiedenen Schimmelpilzarten zu tun:
Fusarium
Aspergillus fumigatus
Aspergillus versicolor
Penicillium expansum
Penicillium chrysogenum
Alternaria alternata
Cladospora herbarum
Stachybotrys atra (Schwärzepilz)
Mucoraceen

Alle Schimmelpilzarten sind grundsätzlich sowohl im Innen- als auch in Außenräumen anzutreffen, wobei es Unterschiede in der Häufigkeit des Auftretens gibt: Aspergillus-Spezies und Penicillium-Spezies finden sich vorwiegend in Innenräumen (die Biotonne ist auch ein „Innenraum“), während Alternaria-Spezies und Cladosporium-Spezies eher in der Außenluft anzutreffen sind.

Aspergillus versicolor bildet das Toxin Sterigmatocystin mit immunsuppressiver Wirkung.
Penicillium expansum und Penicillium chrysogenum bilden die Toxine Citrinin und Patulin mit immunsuppessiver und schleimhautreizender Wirkung.
Stachybotrys atra produziert Satratoxin H, das in winzigen Sporen oder Stücken des Pilzgeflechts – Durchmesser 5,1 bis 6,2 mcm – Asbestfasern gleich bis in tiefste Lungenspitzen eingeatmet werden kann. Unter dem Mikroskop kann beobachtet werden, wie es Zellen schnell abtötet.
Aspergillen und Mucoraceen sind die Erreger der Häufigsten, oft tödlich verlaufenden invasiven Pilzinfektionen anwehrgeschwächer Menschen (bga-Pressedienst Nr. 50, 13.11.1991).

Die Pilze produzieren Alkohole, Ester, Aldehyde, Kohlenwasserstoffe, Aromaten, die sämtlich eine zyto- und gentoxische Wirkung haben. Diese machen übrigens den Geruch aus, der Biotonnen entströmt. Politik, Entsorgungsunternehmen und Interessenverbände sprechen von einer Geruchs“belästigung“, die jeder im Interesse einer höherwertigen Sache hinzunehmen habe. Der Geruch signalisiert jedoch – wie übrigens auch der Geruch von Benzol, Straßenteer, künstlichem Moschus u. a. – daß es sich hier um eine für den Organismus schädlich Emission handelt.

Pilze, Parasiten, Bakterien, Viren werden beim Kompostierungsvorgang nicht vernichtet (Beispiel: Schweinepest, Maul- und Klauenseuche bei Tieren, Feuerbrand bei Pflanzen). Hitze und Bestrahlung tötet nur den lebenden Pilz-Organismus ab, seine bis dahin gebildeten Toxine werden jedoch nicht inaktiviert (s. getrocknete Küchenkräuter), sondern überstehen solche Sterilisierungsprozeduren.

Müllwerker reagieren deutlich häufiger allergisch auf Schimmelpilze als andere Menschen. Sie sind zudem infektanfälliger und leiden öfter an Ekzemen, Juckreiz und Atemwegsbeschwerden. Zu diesem Schluß kommt der Arzt und Chemiker Herbert Lichtnecker. Sein „Medizinisches Institut für Umwelt- und Arbeitsmedizin“ untersuchte i9m Auftrag der Rheinischen Gemei9ndeunfallversicherungsanstalt Düsseldorf 83 hauptsächlich mit Bio- und Restmüll befaßte Müllwerker. Kontrollgruppe waren 83 Männer aus anderen Berufen. Grund für das Interesse der zuständigen Berufsgenossenschaft war die ernste Erkrankung eines Müllwerkers. Danach werden die häufigen allergischen Symptome eindeutig von Schimmelpilzen aus organischem Müll verursacht, obwohl die üb erwiegende Zahl der Untersuchten Arbeitsschutzausrüstung trug. Grund dafür sind die gestiegene Schimmelpilzbelastung durch die auf 14 Tage verlängerten Leerungszeiten und das Fehlen von speziell ausgerüsteten Müllwagen, die das Aufwirbeln von Keimen verhindern. Die Untersuchungsergebnisse führten allerdings nicht dazu, daß eine Schimmelpilzallergie als Berufskrankheit anerkannt wird. „Es ist schwierig, die Allergie eindeutig auf den Müll zurückzuführen“, erklärt Dr. Stephan Becher vom Unfallversicherungsverband die – im übrigen typische – abwehrende Haltung der Berufsgenossenschaften. Schließlich könnten auch Schimmelpilze aus einer häuslichen Topfpflanze dafür verantwortlich sein. Die kommunalen Abfallbetriebe in Gestalt ihrer fachlich inkompetenten Leiter sind denn auch mehrheitlich der Meinung: „Ach was, unsere Müllmänner sind alle gesund. Sie sind eben viel an der frischen (!) Luft“.

So haben nicht nur Berufsgenossenschaften, sondern vor allem die Gemeinden, Landkreise und auch (Ober-)Gerichte von Anfang an eine Abwehrfront gegen Beschwerden und Klagen betroffener Bürger hochgezogen. Die erste Abwehrmaßnahme besteht darin, dem unwissenden Bürger „Tips“ im Umgang mit der Biotonne zu geben:

„Richtigen Standplatz wählen, damit bei höheren Außentemperaturen die Sporenbildung nicht zu arg ist.“ Leider haben die meisten Menschen, z. B. als Mieter – keinen Einfluß auf den Standplatz ihrer Biotonne, weil die innerstädtische Architektur die – nachträgliche – Mülltonnenvermehrung nicht mehr berücksichtigen kann.

„Reißerischen Zeitungsmedungen über Gesundheitsgefahren durch die Biotonne“ (Amt f. Abfallwirtschaft der Stadt München) soll „keinen Glauben geschenkt“ werden. Eine „wissenschaftliche“ Auftragsstudie habe ergeben, daß die Keim- und Pilzbelastung im Sommer nur geringfügig höher sei als zu anderen Jahreszeiten. Leider haben es Auftragsstudien so an sich, dem Auftraggeber gefällige Ergebnisse zu liefern. Solch hoch komplexe Situationen wie der zwischen Keimgemischen im Biomüll und den unterschiedlichen Menschen in ihrem unterschiedlichen Verhalten sowie ihrer genetischen Variabilität oder individuellen Morbidität lassen sich unter Laborbedingungen nicht darstellen, geschweige denn evaluieren.

„Wissenschaftlich erwiesen“ sei außerdem, „daß es keinen Unterschied macht, ob die Tonnen jede Woche oder alle 14 Tage geleert werden, denn die Menge der Keime“ stiege „nach der ersten Woche kaum noch“. Das wäre ja schön! Jeder während der vierzehn Tage neu hinzukommende Müll ist ein „frischer“, d. h. biologisch sehr aktiver Müll, dessen Keime und Sporen selbstverständlich ihre Vermehrungszyklen starten, unabhängig davon, ob schon „alter“ Müll in der Tonne liegt. Neu hinzukommende Keime können – im Gegenteil – zusammen mit vorgefundenen Organismen Mutanten, z. B. Superkeime der multiresistente Keime (MRSA) bilden.

Wohl für das Faultier in uns halten die Münchner noch diesen Rat bereit: „Übrigens: Sie werden es nicht glauben, aber Sie können auch auf dem Balkon einer Stadtwohnung kompostieren, ja, sogar in der Küche. Probieren Sie es aus!“ Nur rückständige Zeitgenossen glaubten wohl bisher, auf ihrem Balkon nach getaner Arbeit in egoistischer Manier die Abendsonne genießen zu dürfen. Wie wichtig aber Müll inzwischen auch für neue Ideen in der Innenarchitektur geworden ist, läßt sich bei den vielen Wir-verschönern-Ihr-Heim-Dokusoaps beobachten: Da wird eine chaotische WG-Küche mit einem selbstgebauten Müllsammelschrank aufgehübscht, aparten Wurfschlitzen von innen Gummilippen verpaßt und außen prangen die aufgebügelten Buchstabencomosings „Papier“, „Einwegpfand“, „Mehrwegpfand“ u8nd ganz unten „Eierschalen/Biomüll“. So wird in deutschen Wohnungen Müll zum Stilelement!

Die Berliner Stadtreinigungsbetriebe wiederum raten jedem davon ab, Biomüll in der Wohnung zu lagern. Aber auch hier werden die Vorzüge des Biomülls als „wertvoller Kompostlieferant“ gepriesen. Dabei ist die Verwendung von Kompost aus Biomüll in der Gemüseerzeugung höchst problematisch. Abgesehen von Insektiziden, Herbiziden u. a., die über diesen Kreislauf wieder erneut in die Nahrungskette gelangen und sich dort verdichten, wird Biomüll zur Vermeidung von Geruchs- und Keimentwicklung meistens mit reichlich Zeitungspapier eingeschlagen (übrigens Empfehlung vieler kommunaler Entsorgungsbetriebe), das mit dem Müll verrottet. Druckfarben (Cadmium. Blei,Quecksilber, Brom, PAKs u. a.) wandern über den Kompost in die Nutzpflanzen und damit auf unseren Teller.

Manche Stadtreinigungsbetriebe waren vor Papier in der Biotonne, weil Zellulose ein Wachstumsfaktor für den Pilz sei. Bisweilen wird empfohlen, den Boden des Abfallbottichs mit Haselgut oder zerknüllter Zeitung auszulegen. Andere empfehlen, die Tonne unbedingt geschlossen zu halten, wieder andere raten zum Gegenteil: Immer offen stehen lassen. Es gibt die offiziellen Empfehlungen, den Rand der Tonne mit Kalk auszustreuen, um Maden zu verjagen, dasselbe mit Essig soll den Fliegen die Eiablage verleiden. Die Stadtreinigungsbetriebe Düsseldorf empfehlen, zwischen Tonne und Deckel einen Holzkeil zu klemmen. So kakophon das Stimmengewirr der Ratschläge daherkommt, so einig sind sich doch alle in einem: gesundheitsschädlich kann hier gar nichts sein, weil es nicht sein darf. Der Verbraucherberatung Hessen gelang das Kunststück, die Gefährdung durch Keime aus der Biotonne gleichzusetzen mit einem Waldspaziergang oder Werkeln im eigenen Garten. Und wenn der Biomüll und der Umgang damit nun doch nicht so gesund ist? Ralf-Roman Karas von den Berliner Stadtreinigungsbetrieben: „Der wirklich gefährdete Personenkreis ist ohnehin durch die Hausärzte über die Risiken informiert.“ Na dann.

In Großstädten und ihren Siedlungen können Biotonnen eine ernsthafte Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen, wenn nämlich zu den Originären Bioabfällen auch andere organische Abfälle wie Essensreste, Windeln usw.. gelangen. Die Müllcontainer werden durch die Bewohner meist auch nicht diszipliniert befüllt, Abfälle fallen daneben und ziehen Ratten an. Disziplin ist eben nicht jedermanns Sache, wie viele fahren innerorts schneller als 50km/h?

So dauert es nicht lange, bis solche Wohnanlagen mitsamt ihrer Müllplätze verslumt sind. Dies wollte der Besitzer einer Wohnanlage in München nicht hinnehmen und klagte gegen die Pflicht zur Biotonne im innerstädtischen Bereich und bezog sich dabei u. a. auf „Empfehlungen des Umweltbundesamtes“ vom November 1995, wonach „bei einer Mehrfamilienhausbebauung … grundsätzlich geprüft werden“ sollte, „ob eine getrennte Bioabfallsammlung vorgenommen werden soll“. Während des Verfahrens kam heraus, daß die von der Gegenseite – der Stadt München – zitierten Studien insofern wertlos waren, weil sie sich auf nichtstandardisierte Verfahren zur Keimzählung stützten. Gleichwohl – und leider erwartungsgemäß – unterlag der Kläger beim Bayerischen Verwaltungsgericht.

Einige Gemeinden schicken gegen Ende der warmen Jahreszeit einen „Spülwagen“ durch die Straßen, der die leeren Biotonnen ausspült, sodaß ein penetrant künstlicher Duft und alle gleichmäßig verteilten Keime der Stadtbevölkerung zurückbleiben.

Die Biotonne und der Umgang mit ihr wirft Fragen auf: Von allen Beteiligten wird zugegeben, daß es „gefährdete Personen“ gibt, also Leukämiepatienten, Organtransplantierte, Krebskranke, Patienten unter Corticosteroiden, HIV- und AIDS.Patienten, Rekonvaleszenten usw…, d. h. (passagere) Immunschwächen haben wir alle mal. Unsere Hausärzte klärten uns auf, sagt man uns. Und dann? Was weiß mein Hausarzt? Und wie soll der Betroffene darauf reagieren? Soll er seinen Müll lieber in den Restmüll geben? Ist es nicht vielmehr so, daß es sich beim Biomüll um die klassische Verlagerung externer Kosten einer Branche (Müllentsorgungsbranche) in das Gesundheitswesen handelt? Woher bekomme ich Strauchschnitt oder Haselgut für meine Tonne? Soll ich dafür ins städtische Gartenamt fahren (Benzin? Kosten? Taxi?) oder mir das Gewünschte selbst im Wald „besorgen“? Ich soll meine Tonne nach jeder Leerung waschen. Wie stelle ich das an? Wo ist ein Wasseranschluß, wie wuchte ich die Tonne, ohne mit derselben zu verunfallen? In welcher Reihenfolge soll ich mit Kalk, Essig oder Holzkeil hantieren? Das, was man gemeinhin der Politik und den Politikern vorhält, sie hätten jeden Bezug zu anderen Menschen und deren normalen Alltag verloren, trifft man bereits auf der kommunalen Ebene an, wo es nur darum geht, eine Ideologie zu exekutieren.

Müll gehört in moderne Müllverbrennungsanlagen (und nicht in Zementwerken) verbrannt, wo er Wärme und Strom liefert. Müll muß nicht getrennt gesammelt werden. Viele Kommunen praktizieren wieder das „Ein-Tonnen-System“. Der Landrat Dr. Karl Ihmels (Lahn-Dill-Kreis) erfand zusammen mit Wissenschaftlern eine automatische Sortieranlage. Die Stofftrennung ist hier so sortenrein, wie sie auf herkömmliche Art – per Hand – nicht möglich ist. Solche oder ähnliche Anlagen befinden sich u. a. in Dresden, Wetzlar, Berlin, Osnabrück, Trier, Venedig. Auf die Frage: Warum machen wir Mülltrennung? antwortete Ihmels: „Das ist eine spezifisch deutsche Geschichte, aber die ist mittlerweile ideologisch bis zum Gehtnichtmehr.“ Die ehemalige Umweltministerin von Rheinland-Pfalz, Klaudia Martini (SPD), sagte zur selben Frage: „Wir befürchten wohl alle, daß das Umweltbewußtsein der Bevölkerung einen Knacks bekommt, weil wir ja jahrelang genug erzählt haben, wie wichtig es ist, zu trennen und zu sortieren.“ Noch drastischer drückt es Gunnar Sohn aus, ehemaliger Sprecher Duales System Deutschland (DSD): „Das ist die Beruhigung des ökologischen Gewissens. Das scheint eine deutsche Krankheit zu sein, denn in keinem einzigen Land außerhalb Deutschlands wird so ein Mülltrennungsterror betrieben, wie wir ihn hier praktizieren.“

Viele können sich vielleicht noch erinnern: Als Bernhard Grzimek Direktor des Frankfurter Zoos war, blickte man, just nachdem man die Kasse passiert hatte, auf sein eigene Ebenbild im Großformat. Es war ein Spiegel. Darunter stand der Satz (sinngemäß): „Und hier sehen Sie den größten Schädling dieser Erde, der verantwortlich ist für das Artensterben und den Raubbau an der Natur.“ Dieser Satz hat sich in der Zwischenzeit dergestalt eingeprägt und verselbständigt, daß auf dieser Welt aus Fauna und Flora alles erhaltens- und schützenswert ist, nur nicht der Mensch. Maßnahmen, Ge- und Verbote sollen „die Natur“ schützen, zu der offenbar der Mensch längst nicht mehr gehört. Wenn der Mensch leidet, erkrankt oder zugrunde geht, so hat er selbst schuld, denn er ist der „Schädling“. Und für Schädlinge ist es besser, es gebe sie nicht.

Unlängst machte ich Kaffeepause in einem Rasthof an der A7 vor Kassel. Hinter mir saß eine Gruppe örtlicher Umweltschützer bei einer Art Vorstandssitzung. Nachdem man sich lange darüber stritt, wie die Zuschüsse aus meinen Steuergeldern zu verwenden und zu verbuchen seien, hatte jemand eine zündende Idee: Das Aufkommen an Biomüll sei noch nicht genug. Es gebe Ressourcen, die noch ergiebiger seien. Wenn man also Gesetze erlassen könnte, wonach jeder Bundesbürger seine eigenen Fäkalien sammeln müßte – man dachte an eine Art unterirdischen Tank für Wohnanlagen und Etagentanks im Mauerwerk des Badezimmers – hätte man eine solch große Ausbeute, die die flächendeckende Errichtung von Gärtürmen erlauben würde. Jemand aus der Gruppe wurde beauftragt, diese Sache dem zuständigen Abgeordneten vorzutragen, damit dieser „in Brüssel“ vorstellig werde. Ober, zahlen!

Literatur

T. Wegmann, Medizinische Mykologie – ein praktischer Leitfaden, 1990, Basel

Hans Rieth, Pilzdiagnostik – Mykosentherapie, 1985, Melsungen

Verbraucherinformation „Abfall“, Verbraucher-Zentrale Hessen, 2001

Der Spiegel, Nr. 14, 2000

Bayerisches Verwaltungsgericht München, Urteil v. 17.05.2001, Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Urteil v. 04.09.2001 (Az.: M 10 K 00.1441)

H.Schröder, H.Allmers, X.Baur, Gefährdung von Beschäftigten bei der Abfallsammlung und -abfuhr durch Keimexposition, Deutsche Medizinische Wochenschrift 123 (1998) 1088-1099

K.Diehl, R.Hofmann, Literaturstudie zu Hygieneproblemen von Kompostieranlagen unter Berücksichtigung der möglichen Gesundheitsgefahren in der Nähe lebender Anwohner, hrs. Bundesumweltamt, Wa.Bo.Lu.Hefte 11 (1996) 8-20

Bauer, X., Exogen-allergische Alveolitis als Berufskrankheit, Zbl. Arbeitsmed. 46 (1996) 438-442

G.J.Coenen, S.Dahl, N.Ebbehoj, U.I.Ivens, E.I.Stenbaek, H.Würtz, Immunoglobulins and peak expiratory measurements in waste collctors in relation to bioaerosol exposure. Ann.Agric.Environ.Med. 4 (1997) 75-80

Robert-Koch-Institut, Schimmelpilzstreuquellen im Haushalt vermeiden, Pressemitteilung 19.07.1995

S.Krämer, Mykotoxine – die verkannte Gefahr, Gesund Leben Nr. 4/97

Sinnlos sammeln und sortieren – das Märchen von der Mülltrennung, Panorama (ARD) Nr. 603 v. 09.08.2001, Mitschrift

Alles nur Müll? Wissensmagazin WiesoWeshalbWarum (SWR), 15.04.2004

Jean Pütz (Moderation) Dschungel – Das Umweltmagazin (WDR) 23.06.2003 „…..Jetzt, wo die Technik ausgereifter ist als vor drei Jahren, sind wir von „Dschungel“ noch mehr davon überzeugt. Der grüne Punkt ist überflüssig wie ein Kropf. Er gehört zumindest in die Gelbe Tonne. Und daß wir alle fleißig Müll sortieren und noch Gebühren dafür zahlen, ist ein Skandal. Das muß einmal gesagt werden.“ Mitschrift

Geog Küffner, Hausmüll ist eine wichtige Energiequelle, FAZ 19.11.2002

Burkhard Müller-Ulrich, Sauberes Deutschland? Na, sauber! Der Mensch muß lernen, sich nicht mehr für seinen Abfall zu schämen: Zehn Jahre deutsche Verpackungsverordnung – eine Polemik. Süddeutsche Zeitung am Wochenende 09./10.06.2001

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Vor dem Landesarbeitsgericht (5 Sa 996/09) kämpft derzeit der Chef einer medizinischen Abteilung einer Düsseldorfer katholischen Klinik gegen seine Kündigung. Er hatte nach seiner Scheidung wieder geheiratet. Dies wertet der Arbeitsgeber, ein katholischer Trägerverein, als Verstoß gegen die Arbeitsbedingungen und zudem als „Sittenverfall“. Diese Wertung wirft jedoch Fragen auf: Der wohl ab morgen neue Bundespräsident Wulff, der seine langjährige erste Frau (und Mutter seiner Kinder) für eine wesentlich Jüngere verließ und diese heiratete, hatte sich zuvor einschlägigen Segen geholt. Die Rheinpfalz v. 04.06.10 schreibt: „Bevor er, ein geschiedener Katholik, ein zweites Mal heiratete, bat er um eine Audienz beim Papst und sicherte sich dessen Zustimmung. Ein Schritt, dem ihm viele Katholiken hoch anrechnen – denn Wulff zeigte damit, daß ihm das Wort der Kirche wichtig sei.“ Es steht zu vermuten, daß ihm sogar eine kirchliche Trauung erlaubt wurde, denn schon einmal wurde einem prominenten Politiker (ebenfalls Niedersachse) eine zweite kirchliche Eheschließung ermöglicht. Die zweite Trauung des damaligen Bundesinnenministers Rudolf Seiters wurde vom damaligen Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Jansen zelebriert. Begründung war damals, daß ihn seine erste Frau ja verlassen hätte. Das soll mal der Hausmeister im Altenheim sagen!!

Der Berater

Mai 11, 2010

Ein junger Mann mit Aktentasche trifft auf einen Schäfer mit riesiger Herde. „Gibst du mir ein Schaf, wenn ich dir sage, wie groß deine Herde ist?“, fragt der Fremde. Der Schäfer willigt ein. Der Jüngling wirft seinen Computer nebst modernster Satellitentechnik an und gibt nach drei Minuten die Antwort: 2398 Schafe. Der Hirte überreicht ihm ein Tier. „Bekomme ich meine Bezahlung zurück, wenn ich dir sage, welchen Beruf du hast?“, fragt jetzt der Schäfer. Der Fremde nickt. „Du bist Berater“. Der Jüngling staunt und fragt, woher er das wisse. Der Schäfer: „Ganz einfach: Du bist ungefragt gekommen und hast mir gesagt, was ich schon wußte – kann ich jetzt meinen Hund wiederhaben?“

„Eine freiheitliche Regierung ist auf Argwohn aufgebaut, nicht auf Vertrauen; es ist Argwohn und nicht Vertrauen, der begrenzte Verfassungen vorschreibt, um jene, denen wir Macht überantworten müssen, zu binden. (…) Unsere Verfassung hat demgemäß die Grenzen festgesetzt, bis zu denen unser Vertrauen gehen kann, aber nicht darüber hinaus. Laßt uns daher in Fragen der Macht nicht mehr von Vertrauen auf den Menschen hören, sondern haltet ihn durch Ketten der Verfassung von Unheilstiftung ab.“ Thomas Jefferson, 3. Präsident der USA (1743-1826) in der Schrift „A summary view of the rights of British America“ (1774)

Die Naturwissenschaft erfährt ihre methodische Grenze bereits dort, wo Leben auftritt. Sie kann zwar Spuren, Auswirkungen des Lebendigen im Stofflichen erfassen und beschreiben, ist aber nicht imstande, das methodisch zu erkennen, was Leben an sich ist.
Adolf Butenandt (Nobelpreisträger), deutscher Biochemiker, 1939